Der aktuelle Antisemitismus ist ein importierter!

»Der aktuelle Antisemitismus ist ein importierter!«

Dass der aktuelle Antisemitismus ein „importierter“ sei, hat man in den letzten Jahren öfter gehört und gelesen: Es gebe wieder mehr Übergriffe gegen Juden, seitdem viele Geflüchtete nach Deutschland kommen. Und jetzt willst du zeigen, dass du deine Lektion als guter Deutscher aus dem Holocaust gelernt hast. Das fühlt sich für dich eventuell sogar ein bisschen befreiend an: Wenn man Juden in der Gegenwart verteidigt, ist die familiäre Verstrickung während des Nationalsozialismus möglicherweise ja auch nicht mehr ganz so schlimm? Du denkst vielleicht, jetzt, wo Juden in Deutschland durch Tausende Antisemiten unter den Geflüchteten bedroht sind, müsste man Härte zeigen, vielleicht sogar die Grenzen schließen? Und wer sich judenfeindlich verhält, wird abgeschoben?
Leider gehst du damit rechtspopulistischer Propaganda auf den Leim. Die meisten Antisemiten könnte man gar nicht abschieben, denn – Überraschung: Es sind Deutsche. Und zwar Deutsche, die „schon immer“ hier gelebt haben. Hattest du dich vielleicht sogar gefreut, endlich mal ein Argument gegen die Einwanderer parat zu haben, dass auch der letzte „Gutmensch“ anerkennen muss? Dann merkst du ja wohl hoffentlich selber, dass es dir eigentlich gar nicht um die Sorgen der Juden geht, sondern darum, die Migrant*innen als Gefahr für Deutschland darzustellen, die man dringend abwehren muss.

Jetzt mal in Ruhe…

In der politischen Kultur in Deutschland gilt Antisemitismus als klar moralisch illegitim. Daher wird sich auch kaum jemand, sieht man von Neonazis einmal ab, offen zu ihm bekennen. Dennoch konnten wissenschaftliche Studien über judenfeindliche Einstellungen unter deutschen Staatsbürger*innen wiederholt zeigen, dass hier dauerhaft etwa zehn bis zwanzig Prozent traditionellen antisemitischen Aussagen, etwa, dass Juden über zuviel Einfluss verfügen, zustimmen. Deutlich höhere Werte bis hin zu vierzig Prozent erhalten jedoch codierte Formen des Antisemitismus, die sich aus der Abwehr gegen ein Schuldgefühl in Bezug auf die Shoah gegen Juden wenden oder Israel als jüdischen Staat angreifen.
Die aktuellste Kriminalitätsstatistik der Bundesregierung für das dritte Quartal 2018 weist 182 antisemitische Straftaten aus. 1 Darunter waren lediglich 21 Taten, die nicht dem Bereich „Politisch Motivierte Kriminalität – Rechts“ zugeordnet wurden. Das spricht wie alle Zahlen zuvor dafür, dass deutsche Rechtsextremisten für einen Großteil der Straf- und auch Gewalttaten gegen (vermeintliche) Juden sowie jüdische Einrichtungen verantwortlich sind.
Dass auch die Kriminalitätsstatistiken kein gänzlich umfassendes Bild der Situation verschaffen können, zeigen wissenschaftliche Studien, die Betroffene antisemitischer Vorfälle befragen. Die Teilnehmer*innen der Studie „Jüdische Perspektiven auf Antisemitismus in Deutschland“ wurden gebeten, die Täter von versteckten Andeutungen, Beleidigungen und körperlichen Angriffen einzuordnen. Gravierend ist, dass alle Formen von Übergriffen am häufigsten „muslimischen“ Tätern zugeordnet wurden.2 Auch diese Daten spiegeln nicht unmittelbar die allgemeine Situation des Antisemitismus in Deutschland wieder, deutlich wird jedoch, dass aufgrund der Kriminalitätsstatistik der Anteil von Straf- und Gewalttaten durch „Muslime“ wahrscheinlich unterschätzt wird. Wie stark antisemitische Einstellungen unter Geflüchteten aber sind und ob die Zunahme des Antisemitismus überhaupt mit den neueren Migrationsbewegungen zusammenhängt, kann trotz vieler Spekulationen derzeit seriös kaum eingeschätzt werden.
Interessant ist, dass Rechtspopulist*innen, die vom „importierten Antisemitismus“ schwadronieren, nichts davon wissen wollen, dass Deutschland zur Zeit des NS-Regimes Exporteur-Weltmeister antisemitischer Ideologie, nämlich per Radiosender in den Nahen Osten war.3 Das wirkt sich in den betroffenen Ländern z.T. bis heute aus. Und der ebenfalls in der Region beliebte Klassiker „Mein Kampf“ stammt woher? Genau.
Rechtspopulist*innen, etwa von der Alternative für Deutschland, inszenieren sich als einzige ehrliche Schutzmacht der Juden in Deutschland. Damit lenkt jedoch die AfD zunächst mal von ihren eigenen diversen Antisemitismusskandalen und der faktischen Duldung von Antisemiten als Parteimitglieder und sogar Abgeordnete ab.4 Durch die ausschließliche Fokussierung auf (vermeintliche) ausländische Antisemiten wird auch klar, dass hier Juden als Argument zur Unterstützung des eigenen Feindbilds instrumentalisiert werden. Dass Juden in Deutschland große Sorgen vor allem vor dem um sich greifenden Rechtsextremismus äußern, fällt einfach unter den Tisch.

  1. Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Petra Pau, Dr. André Hahn, Gökay Akbulut, weiterer Abgeordneter und der Fraktion DIE LINKE, Deutscher Bundestag Drucksache 19/5781, 14.11.2018, http://dipbt.bundestag.de/dip21/btd/19/057/1905781.pdf, S. 2.

  2. Andreas Zick/Andreas Hövermann/Silke Jensen/Julia Bernstein: Jüdische Perspektiven auf Antisemitismus in Deutschland. Ein Studienbericht für den Expertenrat Antisemitismus, Bielefeld 2017, https://uni-bielefeld.de/ikg/daten/JuPe_Bericht_April2017.pdf, S. 21; vgl. Bundesministerium des Innern (Hg.): Antisemitismus in Deutschland – aktuelle Entwicklungen, Berlin 2017, S. 38f.

  3. Jeffrey Herf: Nazi Propaganda for the Arab World, Yale 2010.

  4. Benjamin Steinitz/Daniel Poensgen: Die AfD im Spannungsfeld zwischen Relativierung und Instrumentalisierung des Antisemitismus, in: MBR & APABIZ (Hg.): Berliner Zustände 2017. Ein Schattenbericht über Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus im Jahr 2017, Berlin 2018, S. 32-43, https://rechtsaussen.berlin/2017/11/die-afd-im-spannungsfeld-zwischen-relativierung-und-instrumentalisierung-des-antisemitismus/; Marc Grimm/Bodo Kahmann: AfD und Judenbild. Eine Partei im Spannungsfeld von Antisemitismus, Schuldabwehr und instrumenteller Israelsolidarität, in: Stephan Grigat (Hg.): AfD & FPÖ. Antisemitismus, völkischer Nationalismus und Geschlechterbilder, Baden-Baden 2017, S. 41-59.

schließen