Da stecken doch die Zionisten dahinter.

»Da stecken doch die Zionisten dahinter.«

Du glaubst, dass die Weltpolitik von einer mächtigen, im Dunkeln operierenden zionistischen oder jüdischen Lobby beeinflusst und gesteuert wird? Besonders die US-amerikanische Außenpolitik?

Hier mal ein paar Facts:
Lobbyismus bezeichnet die Einflussnahme durch Interessenverbände. Diese Verbände können Wirtschaftsverbände, Sozialverbände, Umweltschutzorganisation, Gewerkschaften oder Arbeitnehmerverbände sein. Lobbygruppen sammeln Fachwissen für Regierungsmitglieder, bereiten diese Fakten auf und komprimieren sie. Dieses Vorgehen ist für demokratische Entscheidungsprozesse unvermeidlich. Andere Namen für den gleichen Vorgang sind Politikberatung, politischer Kommunikation oder Public Affairs gesprochen.

Wie der Deutsche Tierschutzbund und der Deutsche Jagdverband, so werden auch Teile der jüdischen Bevölkerung der USA durch unterschiedliche Organisationen, oder Lobbyorganisationen, vertreten, wie die AIPAC oder J-Street, die ganz unterschiedliche Interessen verfolgen. J-Street setzt sich für eine friedliche Lösung des israelisch-palästinensischen Konflikts in Form der Zwei-Staaten-Lösung ein. Diese Organisation hat mit Beginn der Obama-Administration erheblich an Einfluss gewonnen. Amerikanische Lobbyorganisationen müssen sich außerdem in einem Register eintragen lassen und dort Informationen über Kunden und Finanzierung auflisten. Lobbyismus ist ein integraler Bestandteil von Demokratie und zumindest in den USA ein äußerst transparenter Vorgang.
Also hör’ mir auf mit zionistischer Weltverschwörung und informiere dich! Dann ist auch nicht mehr so viel Raum für Verschwörungsdenken.

Jetzt mal in Ruhe…

Es ist nicht leicht Verschwörungstheorien argumentativ beizukommen. Versuche drehen sich oft im Kreis. Denn Verschwörungstheoretikerinnen und Verschwörungstheoretiker zeigen sich resistent gegen jegliche Form von Argumentation. Den Darstellungen der Medien wird grundsätzlich misstraut. Die öffentliche Meinung wird von im Dunkeln operierenden Mächten manipuliert. Es werden »Tatsachen« aus unseriösen Texten unhinterfragt übernommen, während wissenschaftliche Fakten als Lügen angetan werden. So kann jede begonnene Diskussion im Keim erstickt werden. Widerspruch wird nicht geduldet. Verschwörungstheorien sind schwer wiederlegbar, da jegliches Argument unter Verdacht steht, manipuliert zu sein. Es macht mehr Sinn, sich mit der Ideologie zu beschäftigen, die hinter dem verschwörungstheoretischen Denken steckt.

Verschwörungstheorien machen die Welt in Krisenzeiten überschaubar und bieten ihren Anhängerinnen und Anhängern Halt. Sie liefern eine in sich schlüssige und ausgiebige Deutung der Welt und Rollen für die »Guten« und die »Bösen«. Sie wirken aufklärerisch und revolutionär, setzen sich aber oft bloß aus Versatzstücken antisemitischer Ideologie zusammen und halten keiner wissenschaftlichen Prüfung stand. »Verschwörungstheorien unterstellen, dass im Verborgenen agierende Konspiratoren einen umfassenden Plan mit betrügerischen Mitteln und unter Täuschung der Bevölkerung umzusetzen versuchen.«1

Der Antisemitismus bietet eine Möglichkeit, die Welt verschwörungsideologisch zu erklären. Antisemitismus ist auf kein bestimmtes gesellschaftliches Spektrum beschränkt. Jede und jeder kann Antisemit sein. Alle unverstandenen Ereignisse und beunruhigende Entwicklungen werden auf die Juden, die Zionisten oder Israel projiziert. Der Mythos von der jüdischen Weltverschwörung ist stark verbreitet, auch wenn dafür oft andere Begriffe und Feindbilder verwendet werden. Der moderne Antisemit versichert gerne, auf jeden Fall nichts gegen Juden zu haben, bevor er gegen die zionistische Lobby hetzt.
Die ideologische Grundstruktur bleibt jedoch gleich: »Ein paar im Dunkeln operierende Machthaber haben die Kontrolle über die wichtigsten politischen Entscheidungen der Weltpolitik!« So wird die Welt in Gut und Böse unterteilt. Man selbst sieht sich auf der Seite des Guten und als Opfer der Verhältnisse.
Auch persönliche Erfahrungen wie die gesellschaftliche Ohnmacht und die Unfähigkeit politische Prozesse zu durchschauen machen solche Vorgänge nachvollziehbar. Der Unterschied ist folgender: Der Verschwörungstheoretiker passt nicht seine Einstellungen an die Wirklichkeit an, sondern er versucht, die Wirklichkeit gemäß seiner Wahnweltbilder zu verändern.2

 

  1. Jaecker, T. (2004). Antisemitische Verschwörungstheorien nach dem 11. September. Münster: LIT Verlag, S. 15.

  2. Vgl. Salzborn, S. (2014). Antisemitismus. Geschichte, Theorie, Empirie. Baden-Baden: Nomos. S. 104.

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Zionismus bezeichnete ursprünglich eine politische Ideologie mit dem Ziel, einen jüdischen Staat zu errichten. Mit der Gründung des Staates Israel im Jahre 1948 wurde dies erreicht, doch auch heute noch bezeichnen sich einige Organisationen und Institutionen, die für den Erhalt Israels eintreten, als »zionistisch«.

Deutlich häufiger allerdings werden hierzulande Begriffe wie »zionistisch« oder »Zionist« in einem antisemitischen Kontext verwendet, als Form einer so genannten »Umwegkommunikation«, einer Sprechweise also, die versucht, dem Vorwurf des Antisemitismus zu entgehen, indem die Begriff »jüdisch« oder »Jude« gemieden werden. Nicht selten wird explizit hinzugefügt, die Argumentation könne nicht antisemitisch sein, schließlich bezeichne »Zionisten« nicht alle Jüdinnen und Juden, sondern nur bestimmte – jene nämlich, die der Ideologie des Zionismus anhingen. Aber von welchem Zionismus sprechen diese Leute eigentlich? Vom religiösen Zionismus? Vom sozialistischen? Grünen? Liberalen?

Wird der Begriff »Zionismus« im antisemitischen Kontext verwendet, dann geschieht dies – trotz der Behauptung, man spreche von einer echten politischen Bewegung – losgelöst von real existierenden politischen Konstellationen und Ideen in all ihrer Diversität. Stattdessen wird eine Strohpuppe gebastelt, die mit der politischen Wirklichkeit wenig bis gar nichts zu tun hat. »Zionismus« wird zum puren Bösen stilisiert, als eine Ideologie, die auf Menschenfeindlichkeit und Vernichtungswünschen aufbaut. Die Anhänger dieser Ideologie müssten somit natürlich von jedem halbwegs klar denkenden Menschen bekämpft werden.

Die verzerrte Darstellung der zionistischen Ideologie als eine hassenswerte Karikatur ihrer selbst, wird umso tragischer, wenn man betrachtet, wer in der Definition antisemitischer Akteure zu dieser bekämpfenswerten Bewegung gezählt wird. Vor allem in Parolen wie »Die echten Juden sind gegen Zionismus!« wird es deutlich: In der Lesart des modernen Antisemitismus, ist jeder Jude, der sich nicht eindeutig antizionistisch positioniert, ein Zionist.

Das »guter Jude, böser Jude«-Spiel ist alt und die hier vorliegende Variante ist nur eine von vielen. Eines ist ihnen aber allen gemein: Am Ende sind eigentlich alle Jüdinnen und Juden, bis auf wenige, handverlesene Exemplare, auf der Seite des »Bösen« zu finden. Die Behauptung, man habe ja nichts gegen Juden, sondern lediglich gegen Zionisten, wird somit zur Farce.