Israel hat kein Recht zu existieren.

»Israel hat kein Recht zu existieren.«

Du findest, Israel hat kein Recht zu existieren? Schon die Staatsgründung sei unrechtmäßig gewesen? Vielleicht denkst du sogar, der Staat Israel sei ein künstlicher Staat im Gegensatz zu anderen Nationalstaaten.

Tja, wo fange ich an? Erst einmal: Der Staat Israel ist nicht künstlicher als andere Staaten. Alle Staaten sind irgendwann einmal von Menschen gegründet worden und sind somit künstlich. Aber mit Argumenten ist dir höchstwahrscheinlich eh nicht beizukommen. Anstatt Argumente aufzuzählen, warum Israel eben doch das Recht hat zu existieren, macht es mehr Sinn der Frage nachzugehen, warum Israel das einzige Land ist, über dessen Existenzrecht diskutiert wird.
Israel dient dir als Sündenbock. Israel und den Zionismus siehst du als die größte Bedrohung für den Weltfrieden an. Von der Abschaffung des zionistischen Projekts erhoffst du dir in gewisser Weise Erlösung. Waren es vor 1945 die Juden, die als »Weltbrandstifter« galten, richtet sich dein als Israelkritik getarnter Antisemitismus auf Israel und den Zionismus.

Ist es bei sogenannter Israelkritik nicht immer ganz eindeutig, ob sich dahinter Antisemitismus verbirgt, ist es bei der grundlegenden Feindschaft gegen Israel glasklar. Wenn du also denkst, ohne Israel wäre die Welt besser, dann bist du ein Antisemit.

Jetzt mal in Ruhe…

Es existieren vielfältige Strategien, die Existenz des Staates Israel zu delegitimieren. Eine dieser Strategien behauptet, Israel sei unrechtmäßig gegründet worden. Vor der Staatsgründung 1948 seien die palästinensischen LandbesitzerInnen von ihren Ländereien vertrieben worden, manchmal wird sogar der Begriff der »ethnischen Säuberung« benutzt. Richtig ist, dass die vormaligen arabischen Grundbesitzer ihre Grundstücke freiwillig verkauft haben. Sie wurden keineswegs dazu gezwungen. Auch existierte in Israel niemals eine ethnisch diskriminierende Staatsangehörigkeitsregel, was den Vorwurf Israel sei ein Apartheidsstaat haltlos macht. Vielmehr ist Israel die einzige Demokratie im Nahen Osten. Viele sogenannte IsraelkritikerInnen scheinen aber gerade in Israel einen rassistischen, autoritären Staat zu erkennen, obwohl dies, angesichts der realen Bedrohung Israels von terroristischen Gruppen wie der Hamas oder auch von autoritären Regimes wie Iran, eine perfide Verdrehung der Tatsachen ist.

In der arabisch-palästinensischen Bevölkerung im Nahen Osten existiert eine Erinnerungskultur, die die Staatsgründung Israels als Katastrophe, als sogenannte Nakba, begreift. Diesem Verständnis zufolge sei die Staatsgründung Israels der Grund für die Vertreibung oder Flucht von einigen Hunderttausend arabischen Palästinensern aus dem vormals britischen Mandatsgebiet Palästina gewesen. Eine solche Erinnerungskultur ignoriert den Massenmord an den europäischen Juden, der den Grund für Viele darstellte, ins damalige Palästina auszuwandern. Außerdem muss mitberücksichtigt werden, dass bereits damals eine starke antijüdische Stimmung in Palästina sowie in den angrenzenden arabischen Staaten vorherrschte, die im Laufe der Gründung Israels dann auch dazu führte, dass mehrere arabische Nachbarstaaten Israel den Krieg erklärten. Die Staatsgründung Israels als Nakba zu begreifen ist also eine geschichtsrevisionistische Position, die Israel als Aggressor und Kolonialmacht diffamiert. Diese weitverbreitete Ansicht ist ein Hindernis auf dem Weg zu einer friedlichen Lösung des israelisch-palästinensischen Konflikts.

Die Delegitimierung Israels ist ein sicheres Zeichen, um Antisemitismus zu erkennen. Wer Israel das Existenzrecht abspricht, wer also fordert, der Staat Israel solle aufhören zu existieren, der negiert die reelle Gefahr, der Jüdinnen und Juden heutzutage aufgrund von weltweitem Antisemitismus noch immer ausgesetzt sind.

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Zionismus bezeichnete ursprünglich eine politische Ideologie mit dem Ziel, einen jüdischen Staat zu errichten. Mit der Gründung des Staates Israel im Jahre 1948 wurde dies erreicht, doch auch heute noch bezeichnen sich einige Organisationen und Institutionen, die für den Erhalt Israels eintreten, als »zionistisch«.

Deutlich häufiger allerdings werden hierzulande Begriffe wie »zionistisch« oder »Zionist« in einem antisemitischen Kontext verwendet, als Form einer so genannten »Umwegkommunikation«, einer Sprechweise also, die versucht, dem Vorwurf des Antisemitismus zu entgehen, indem die Begriff »jüdisch« oder »Jude« gemieden werden. Nicht selten wird explizit hinzugefügt, die Argumentation könne nicht antisemitisch sein, schließlich bezeichne »Zionisten« nicht alle Jüdinnen und Juden, sondern nur bestimmte – jene nämlich, die der Ideologie des Zionismus anhingen. Aber von welchem Zionismus sprechen diese Leute eigentlich? Vom religiösen Zionismus? Vom sozialistischen? Grünen? Liberalen?

Wird der Begriff »Zionismus« im antisemitischen Kontext verwendet, dann geschieht dies – trotz der Behauptung, man spreche von einer echten politischen Bewegung – losgelöst von real existierenden politischen Konstellationen und Ideen in all ihrer Diversität. Stattdessen wird eine Strohpuppe gebastelt, die mit der politischen Wirklichkeit wenig bis gar nichts zu tun hat. »Zionismus« wird zum puren Bösen stilisiert, als eine Ideologie, die auf Menschenfeindlichkeit und Vernichtungswünschen aufbaut. Die Anhänger dieser Ideologie müssten somit natürlich von jedem halbwegs klar denkenden Menschen bekämpft werden.

Die verzerrte Darstellung der zionistischen Ideologie als eine hassenswerte Karikatur ihrer selbst, wird umso tragischer, wenn man betrachtet, wer in der Definition antisemitischer Akteure zu dieser bekämpfenswerten Bewegung gezählt wird. Vor allem in Parolen wie »Die echten Juden sind gegen Zionismus!« wird es deutlich: In der Lesart des modernen Antisemitismus, ist jeder Jude, der sich nicht eindeutig antizionistisch positioniert, ein Zionist.

Das »guter Jude, böser Jude«-Spiel ist alt und die hier vorliegende Variante ist nur eine von vielen. Eines ist ihnen aber allen gemein: Am Ende sind eigentlich alle Jüdinnen und Juden, bis auf wenige, handverlesene Exemplare, auf der Seite des »Bösen« zu finden. Die Behauptung, man habe ja nichts gegen Juden, sondern lediglich gegen Zionisten, wird somit zur Farce.