Die wahren Juden sind gegen Zionismus.

»Die wahren Juden sind gegen Zionismus.«

Du bist also der Ansicht, die »wahren« Juden seien gegen Zionismus und Israel? Das alte Spiel mit dem Namen »Wer Jude ist bestimme ich!« wird vor allem im deutschsprachigen Raum bereits seit Jahrzehnten gespielt, es ist und bleibt aber nicht nur anmaßend, sondern auch antisemitisch. Wer gibt dir eigentlich das Recht dazu, zu bestimmen, wer ein »echter« Jude ist und wer nicht?

Sowohl das Judentum als auch die israelische Gesellschaft sind genauso pluralistisch wie der Rest der Welt, es gibt eine Vielzahl unterschiedlicher politischer Einstellungen und kultureller Perspektiven, keine davon ist die einzig wahre oder repräsentative. Erstaunlich ist vor allem, mit welcher Regelmäßigkeit ausgerechnet auf Fotos zurückgegriffen wird, auf denen Mitglieder der ultraorthodoxe Splittergruppen »Neturei Karta« abgebildet sind, einer Organisation, die unter anderem an der Teheraner Holocaustleugnerkonferenz 2006 teilgenommen hatte und auch sonst äußerst zweifelhafte Positionen vertritt. Wer nun behauptet, die Vertreter dieser oder ähnlicher Gruppen seien die einzig wahren Juden, spricht im Umkehrschluss weit über 99% der Jüdinnen und Juden ihr Jüdischsein ab.

Vielleicht machst du diese Unterscheidung aber auch gar nicht, sondern versuchst lediglich, deine ohnehin schon gefestigte Überzeugung durch das Heranziehen jüdischer Kronzeugen zu untermauern, als Immunisierung gegen den Vorwurf des Antisemitismus. Ganz nach dem Motto: »Seht ihr’s? Die Juden sagen es doch selbst!«. Du beziehst dich auf diese Personen und Gruppen also vor allem, weil du dich ihrer als Feigenblatt habhaft machen möchtest.

Jetzt mal in Ruhe…

Letzten Endes handelt es sich bei der Aussage, Jüdinnen und Juden, die dem Staat Israel nicht ablehnend gegenüberstehen, seien keine »echten« Juden, um eine Variante des »No True Scotsman«-Argumentes.1 Statt sich mit konkreten Argumenten und Widersprüchen auseinanderzusetzen wird hier versucht, bestimmte politische Positionierungen als per se unberechtigt darzustellen, weil es den Personen oder Gruppen von denen sie artikuliert werden angeblich an Authentizität mangle. Ungeachtet des konkreten Inhalts handelt es sich bei diesem Vorgehen also um einen informellen Fehlschluss.

Die Taktik, Jüdinnen und Juden ihre Identität abzusprechen, findet allerdings auch Ausdrucksformen, die eine quasi-biologistische Argumentation bedienen. Vor allem die Khasaren-Hypothese erfreut sich einer gewissen Beliebtheit, vor allem im deutsch-, aber auch im englischsprachigen, verschwörungsideologischen Milieu.2 Es existieren zwar verschiedene Varianten dieser Idee, gemein ist ihnen jedoch die Annahme, ein Teil der Jüdinnen und Juden seien ihrer Abstammung nach eigentlich gar nicht jüdisch, sondern es handle sich um Nachfahren eines kriegerischen, nomadischen Reitervolkes aus Asien, den Khasaren (auch: Chasaren). Die Khasaren hätten vor einigen Jahrhunderten mehr oder weniger geschlossen eine jüdische Identität angenommen – eine Lüge, weil sie sich politische und wirtschaftliche Vorteile erhofften. Sowohl die »Zionisten«, als auch Jüdinnen und Juden in Machtpositionen seien die Nachfahren dieser Khasaren.3

Es kursieren zahlreiche andere Spielarten, die ein ganz ähnliches Muster verfolgen. Sie alle zielen darauf ab, Jüdinnen und Juden ihre Identität abzusprechen – und mit ihre auch gleich, sich zu »jüdischen« Themen kompetent äußern zu können. Es handelt sich um den vielleicht radikalsten Versuch, jemanden zum Schweigen zu bringen, da er sich auf fundamentalste Eigenschaften bezieht: »Du bist nicht, wer du vorzugeben scheinst.«

  1. »No true Scotsman« Artikel von Wikipedia

  2. Way, I. (2013). Genetik – Rheinland oder Kaukasus?. In: Jüdische Allgemeine, 24.1.2013.

  3. Die seriöse Geschichtswissenschaft kennt tatsächlich »Khasaren«. Auch das Verhältnis zum Judentum ist Gegenstand entsprechender Forschung. Die kursierenden Verschwörungstheorien haben mit dieser wissenschaftlichen Auseinandersetzung allerdings nur wenig zu tun.

schließen

Zionismus bezeichnete ursprünglich eine politische Ideologie mit dem Ziel, einen jüdischen Staat zu errichten. Mit der Gründung des Staates Israel im Jahre 1948 wurde dies erreicht, doch auch heute noch bezeichnen sich einige Organisationen und Institutionen, die für den Erhalt Israels eintreten, als »zionistisch«.

Deutlich häufiger allerdings werden hierzulande Begriffe wie »zionistisch« oder »Zionist« in einem antisemitischen Kontext verwendet, als Form einer so genannten »Umwegkommunikation«, einer Sprechweise also, die versucht, dem Vorwurf des Antisemitismus zu entgehen, indem die Begriff »jüdisch« oder »Jude« gemieden werden. Nicht selten wird explizit hinzugefügt, die Argumentation könne nicht antisemitisch sein, schließlich bezeichne »Zionisten« nicht alle Jüdinnen und Juden, sondern nur bestimmte – jene nämlich, die der Ideologie des Zionismus anhingen. Aber von welchem Zionismus sprechen diese Leute eigentlich? Vom religiösen Zionismus? Vom sozialistischen? Grünen? Liberalen?

Wird der Begriff »Zionismus« im antisemitischen Kontext verwendet, dann geschieht dies – trotz der Behauptung, man spreche von einer echten politischen Bewegung – losgelöst von real existierenden politischen Konstellationen und Ideen in all ihrer Diversität. Stattdessen wird eine Strohpuppe gebastelt, die mit der politischen Wirklichkeit wenig bis gar nichts zu tun hat. »Zionismus« wird zum puren Bösen stilisiert, als eine Ideologie, die auf Menschenfeindlichkeit und Vernichtungswünschen aufbaut. Die Anhänger dieser Ideologie müssten somit natürlich von jedem halbwegs klar denkenden Menschen bekämpft werden.

Die verzerrte Darstellung der zionistischen Ideologie als eine hassenswerte Karikatur ihrer selbst, wird umso tragischer, wenn man betrachtet, wer in der Definition antisemitischer Akteure zu dieser bekämpfenswerten Bewegung gezählt wird. Vor allem in Parolen wie »Die echten Juden sind gegen Zionismus!« wird es deutlich: In der Lesart des modernen Antisemitismus, ist jeder Jude, der sich nicht eindeutig antizionistisch positioniert, ein Zionist.

Das »guter Jude, böser Jude«-Spiel ist alt und die hier vorliegende Variante ist nur eine von vielen. Eines ist ihnen aber allen gemein: Am Ende sind eigentlich alle Jüdinnen und Juden, bis auf wenige, handverlesene Exemplare, auf der Seite des »Bösen« zu finden. Die Behauptung, man habe ja nichts gegen Juden, sondern lediglich gegen Zionisten, wird somit zur Farce.