Israel muss boykottiert werden!

»Israel muss boykottiert werden!«

Ach so, ausgerechnet Israel, den einzigen jüdischen Staat auf der Welt und die liberalste Gesellschaft im Nahen Osten willst du boykottieren? Klar, das hat für dich mit Antisemitismus nichts zu tun, du willst nur deiner „Israelkritik“ Nachdruck verleihen. Das halten nicht nur Juden oft für scheinheilig. Es gibt nun wirklich genug andere Konflikte auf der Welt, die auch oft viel größere Schäden verursachen und mehr Menschen betreffen. Ausgerechnet beim israelisch-palästinensischen Konflikt, über den sich bereits Generationen die Köpfe zerbrochen haben, glaubst du, ganz genau zu wissen, wer für die aktuelle Situation verantwortlich ist, nämlich allein Israel? Na, du hast immerhin ein „gesundes“ Selbstbewusstsein. Klare Sache, die Palästinenser*innen sind die Underdogs und werden vom israelischen „Apartheidsstaat“ unterdrückt, oder? Dann verrate doch aber bitte auch, wie es dann eigentlich kommt, dass Boykotte gegen die Idee eines jüdischen Staates älter sind als dieser Staat selbst, wenn sie doch angeblich aus dem durch ihn verursachten „Unrecht“ resultieren…

Jetzt mal in Ruhe…

Juden empfinden es oftmals als bedrohlich, wenn in Deutschland Israel boykottiert werden soll. Sie fühlen sich an die Nazi-Parole „Kauft nicht beim Juden!“ erinnert, mit der ab 1933 Juden boykottiert wurden. Sich heutzutage gegen Israel zu stellen, kann eine „politisch korrekte“ Form sein, seine Feindschaft gegen Juden auszuleben. Sich fast zwangsläufig einstellende Assoziationen zum historischen Boykott der Juden werden aber von Israelboykotteuren in Kauf genommen, was man wohl als mindestens unsensibel bezeichnen kann. Das heißt nicht, dass jede*r Unterstützer*in von Boykottkampagnen Anhänger*in einer judenfeindlichen Weltanschauung ist und Juden bewusst schaden will. Die Fixierung auf den einzigen jüdischen Staat auf der Welt kann aber Ausdruck einer (bewussten oder unbewussten) negativen Haltung gegenüber Juden sein.
Wer suggeriert, das durch Israel verursachte „Unrecht“ und die „Menschenrechtsverletzungen“ seien weltweit einzigartig, ist auf dem Holzweg: Bereits in Israels näherer Umgebung liegen Staaten, die für humanitäre Katastrophen verantwortlich sind und übrigens auch solche, die seit Jahrzehnten die Integration ihrer palästinensischen Flüchtlinge verhindern. Staaten, die Israel als grundsätzlich illegal ansehen, halten den antizionistischen Boykott schon seit 1945 aufrecht 1 – der Staat Israel wurde drei Jahre später überhaupt erst gegründet. Es geht beim Boykott zumindest einigen also offensichtlich nicht um Gerechtigkeit für die Palästinenser*innen, sondern die strikte Ablehnung von Israels Existenzrecht.
Akteur*innen unter dem Dach der Kampagne Boycott, Divestment, Sanctions (BDS) 2 sind wiederum in der Vergangenheit mit Statements aufgefallen, die Israel unter Rückgriff auf klassische judenfeindliche Bilder u.a. „Unversöhnlichkeit“, „Rachsüchtigkeit“, „Blutrünstigkeit“ und „Rücksichtslosigkeit“ sowie eine „mörderische“ und „räuberische“ Politik unterstellen, Israel mit dem Naziregime vergleichen (und dieses damit klar verharmlosen), Verschwörungsphantasien über den weltweiten Einfluss der „zionistischen Lobby“ verbreiten und antiisraelischen Terrorismus verharmlosen oder gar befürworten. Die BDS-Kampagne wird deswegen zunehmend als antisemitisch bewertet. 3 Als Ziel der Boykottkampagnen wird entweder das Ende der israelischen „Apartheid“ oder der „Besatzung“ genannt. Einige Boykotteur*innen verstehen die gesamte historische Region Palästina als israelisch „besetzt“. Aber: Juden – und fast immer: ausschließlich ihnen – das Recht auf einen eigenen Staat zu negieren, ist schlicht Antisemitismus.
Als „Apartheid“ wird die Politik der sogenannten „Rassentrennung“ in Südafrika und die damit verbundene Herrschaft einer weißen Minderheit über die Schwarze Mehrheit bis 1994 bezeichnet. Die israelische Realität hat damit nicht viel zu tun: Israel versteht sich zwar als jüdischer, jedoch auch als demokratischer Rechtsstaat. Seit der Staatsgründung gibt es eine arabische Minderheit im Land, jede*r fünfte Staatsbürger*in ist heute Araber*in. Damit einher geht das volle Wahlrecht und Freizügigkeit in Bezug auf Berufswahl, Mobilität, religiöses Bekenntnis usw. Es gibt schlicht keine „Rassentrennung“ in Israel, Araber*innen können Hochschulabschlüsse machen, in der Armee dienen sowie Abgeordnete des Parlaments werden. Es gab bereits arabisch-israelische Generäle und Minister in Israel. Auch die arabische Sprache spielt eine wichtige Rolle im gesellschaftlichen Leben. Die palästinensischen Bewohner*innen der besetzten Gebiete müssen viele Einschränkungen hinnehmen, können prinzipiell aber auch in Israel arbeiten und studieren. Palästinenser*innen können ihre Rechte vor dem Obersten Gerichtshof Israels (dem selbst ein arabischer Richter angehört) einklagen. Wer also Israel als „Apartheidsstaat“ diffamiert, dämonisiert nicht nur Israel, sondern relativiert auch das Ausmaß der historischen Verbrechen in Südafrika.
Beim Apartheid-Vorwurf kommt in Deutschland hinzu, dass hier eine Täter-Opfer-Verkehrung vorgenommen wird, schließlich waren ja die Juden und andere Gruppen zur Zeit des Nationalsozialismus von der Unterdrückung durch die sogenannte „arische Herrenrasse“ betroffen. Indem nun der jüdische Staat für rassistische Unterdrückung verantwortlich gemacht wird, verschaffen sich Deutsche Entlastung von den Verbrechen der eigenen Vorfahren, die man so bequem aufrechnen kann.

  1. Malte Gebert: Arabischer Boykott, in: Wolfgang Benz (Hg.): Handbuch des Antisemitismus. Judenfeindschaft in Geschichte und Gegenwart. Band 4, Berlin/Boston 2011, S. 15-16.

  2. Zum Ursprung von BDS vgl. Florian Markl: Der Ursprung der Israel-Boykottbewegung, in: sans phrase. Zeitschrift für Ideologiekritik, Heft 11 (2017), S. 49-55.

  3. Vgl. Samuel Salzborn: Israelkritik oder Antisemitismus? Kriterien für eine Unterscheidung, in: Kirche und Israel. Neukirchener Theologische Zeitschrift, 28. Jg. (2013), Heft 1, S. 5-16, www.salzborn.de/txt/2013_Kirche-und-Israel.pdf; ders.: Globaler Antisemitismus. Eine Spurensuche in den Abgründen der Moderne, Weinheim 2018, S. 148-156; https://www.fluter.de/ist-bds-boykott-bewegung-antisemitisch; Patrick Gensing: Was ist BDS?, https://faktenfinder.tagesschau.de/inland/bds-israel-101.html ; Floris Biskamp: Mitmachen gegen Israel. Teil 1 von 3 einer Mini-Serie über die israelfeindliche BDS-Kampagne, 08.08.2018, http://blog.florisbiskamp.com/2018/08/08/mitmachen-gegen-israel-teil-1-von-3-einer-mini-serie-ueber-die-israelfeindliche-bds-kampagne/ und ders.: Wann ist „Israelkritik“ antisemitisch? Teil 2 von 3 einer Mini-Serie über die israelfeindliche BDS-Kampagne, 12.08.2018, http://blog.florisbiskamp.com/2018/08/12/wann-ist-israelkritik-antisemitisch-teil-2-von-3-einer-mini-serie-ueber-die-israelfeindliche-bds-kampagne/; Sebastian Mohr/Jan Riebe: Die BDS-Kampagne gegen Israel oder Die Taktik der Diffusität, in: Amadeu-Antonio-Stiftung (Hg.): „Man wird ja wohl noch Israel kritisieren dürfen…“? Eine pädagogische Handreichung zum Umgang mit israelbezogenem Antisemitismus, Berlin 2018, https://www.amadeu-antonio-stiftung.de/w/files/pdfs/aktionswochen/paedagogischer-umgang-mit-israelbezogenem-antisemitismus.pdf, S. 22-26.

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