Ohne Israel gäbe es keinen Antisemitismus!

»Ohne Israel gäbe es keinen Antisemitismus!«

Immer wieder liest man dieses Argument: Nichts befeure den modernen Antisemitismus mehr, als der Staat Israel. Würde dieser seine Politik ändern, dann würde auch der Antisemitismus weniger werden. So einfach ist das. Selbst schuld!
Es handelt sich um eine perfide Täter-Opfer-Umkehr, wie wir sie immer wieder finden. Schuld am Antisemitismus sind plötzlich nicht mehr die Antisemiten, sondern die Juden – oder eben der jüdische Staat Israel. Die nicht-jüdische Welt reagiere sozusagen nur, egal ob palästinensische Terroristen, die angebliche einen „Freiheitskampf“ gegen die „zionistischen Unterdrücker“ führen oder ihre Unterstützer in Europa und anderswo, die sich ihre „Israelkritik“ nicht nehmen lassen möchten, egal wie antisemitisch sie auch sein mag.1
Dass es sich um hanebüchenen Unsinn handelt wird klar, wenn man in die Geschichte blickt: Der Antisemitismus im ehemaligen britischen Mandatsgebiet Palästina ist deutlich älter, als der jüdische Staat. Allein die Anwesenheit von Jüdinnen und Juden war schon Jahrzehnte vor der Staatsgründung Anlass für antijüdische Gewalt.

Jetzt mal in Ruhe…

Das Verhältnis von Gewalt und Ressentiment ist äußerst komplex und gleicht ein wenig der Frage, was zuerst kam: Die Henne oder das Ei. Fest steht allerdings, dass es im Zuge von kollektiver Gewaltausübung und Hass immer zu Rationalisierungsversuchen kommt, also eine nachvollziehbare und moralisch akzeptable Erklärung für das eigene Handeln präsentiert wird. Die radikalste Form solcher Rechtfertigungsmuster ist sicher die Behauptung, das Gegenüber plane seinerseits einen gewaltvollen oder gar vernichtenden Schlag auszuführen und man müsse ihm zuvorkommen.
Gerade im Antisemitismus ist das Narrativ, dass es sich bei ihm lediglich um einen Akt der Notwehr handle, äußerst zentral. Notwehr gegen die jüdischen Brunnenvergifter. Notwehr gegen die Christusmörder. Notwehr gegen die „Rassefeinde“. Und nun eben auch: Notwehr gegen den angeblich terroristischen Judenstaat. Adorno bezeichnete diesen Umstand als Projektion. Das Opfer wird dessen beschuldigt, was man selbst tut oder zu tun gedenkt. Schuldumkehr und Abwehraggression prägen diese Konstellation.2
Vor einigen Jahren ergab eine Umfrage unter EU-Bürgern, dass Israel als größte Gefahr für den Weltfrieden gesehen wird – noch vor Nordkorea, dem Iran und anderen Menschenrechtsverletzern. Ganz gleich wie man im Einzelnen zu politischen Entscheidungen des Staates Israel steht, wird hier mehr als deutlich, dass eine solche Dämonisierung 3 in keinem Verhältnis zur Realität steht. Zu Ende gedacht bedeutet solcherlei Ressentiment im Umkehrschluss vor allem auch, dass die Vernichtung Israels letztlich ein notwendiges Übel zur Bewahrung oder Herstellung des Weltfriedens darstellt.
In Bezug auf den Nahen Osten zu behaupten, erst die israelische Politik führe zu Hass, ist aber auch historisch nicht haltbar. Israel wurde 1948 gegründet, antisemitische Ausschreitung gab es aber bereits sehr viel früher, vor allem in den 1920er und 1930er Jahren. Hervorzuheben ist vor allem der sogenannte „Arabische Aufstand“4 unter Führung des Großmuftis von Jerusalem, Mohammed Amin al-Husseini, der für seine Zusammenarbeit mit den Nationalsozialisten in Deutschland bekannt ist.
Letztlich existiert Antisemitismus in relativer Unabhängigkeit von seinem Objekt. Soll heißen: Wie sich Jüdinnen und Juden oder der jüdische Staat tatsächlich verhalten, spielt eine äußerst untergeordnete Rolle. Antisemitische Welterklärungen und antisemitischer Hass genügen sich selbst, solange sie für ihre Träger die gewünschte Funktion erfüllen. Bereits 1894 stellte der Journalist Hermann Bahr im Vorwort zu seinem Buch „Der Antisemitismus – Ein internationales Interview“ fest: „Wer gehaßt wird, thut im Grunde dabei nichts. Der Jude ist ihnen nur eben bequem. […] es handelt sich immer nur um den Haß, um die starken Aufregungen, die er gewährt. Wenn es keine Juden gäbe, müßten die Antisemiten sie erfinden. Sie wären sonst um allen Genuß der kräftigen Erregung gebracht“.5
Notwehrnarrative sind übrigens kein Alleinstellungsmerkmal des Antisemitismus, auch wenn sie hier besonders zentral sind. Auch im fremdenfeindlichen Rassismus wird behauptet, man müsse sich gegen die angebliche „Invasion“ von Menschen wehren und die Schwächsten der Gesellschaft vor ihnen schützen.

  1. Vgl. hierzu auch die Handreichung „Man wird ja wohl Israel noch kritisieren dürfen …?!“ der Amadeu Antonio Stiftung: https://www.amadeu-antonio-stiftung.de/w/files/pdfs/aktionswochen/paedagogischer-umgang-mit-israelbezogenem-antisemitismus.pdf

  2. Theodor W. Adorno: Studien zum autoritären Charakter (hrsg. von Ludwig von Friedeburg). Suhrkamp Taschenbuch 1973.

  3. https://de.wikipedia.org/wiki/3-D-Test_f%C3%BCr_Antisemitismus

  4. https://de.wikipedia.org/wiki/Arabischer_Aufstand

  5. Hermann Bahr: Der Antisemitismus ein internationales Interview. S. Fischer, Berlin 1894

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